Springkraut Ep 2 Wo kommst du her – Transskript

Hallo und willkommen zur zweiten Episode von Springkraut, ich bin Oury. Thema heute ist die wunderschöne Frage „Wo kommst du her?“ und damit verbunden: Rassismus.

 

Es geht natürlich nicht darum, dass Leute einfach ganz harmlos fragen, wo man herkommt und dann mit einer Antwort, wie „München“ (beispielsweise) zufrieden sind, sondern es geht um diese wunderschöne Situation, die die meisten nicht-weißen Leute in Deutschland kennen, dass man gefragt wird, zum Beispiel auf der Straße von völlig fremden Leuten, auf irgendeiner Party und oft im Kennenlerngespräch von Ärzt*innen, von Verkäufer*innen, irgendwelchen random Leuten, die man im Alltag trifft, bis zu den Eltern von Freund*innen oder so, wo man denn herkomme und sich eben mit einer Antwort wie Stadt Xy nicht zufriedengegeben wird und dann halt immer kommt „Ja, aber wo kommst du eigentlich her?“ und auf die Antwort „Ja, eigentlich komm ich aus Bayern, aber ich bin hier hochgezogen“ kommt dann die Frage: „Ja, das meine ich doch nicht! Wo ist dein Heimatland?“

Ehm… Deutschland?“

Hä? Ja und wo kommen deine Eltern her?“ 

Deutschland.“ 

Aber wo kommen sie ursprünglich her?“ und so weiter.

Wie gesagt: Die von euch, die nicht weiß sind, kennen das.

 

Das ist eben… Leute verteidigen das immer mit „Das ist ja nur Interesse“ und so weiter und „Es ist einfach, weil das spannend ist und man möchte interessante Lebensgeschichten hören“. Find ich aus verschiedenen Gründen nicht okay, weil ich mein, die spannenden Lebensgeschichten… was für spannende Lebensgeschichten hört man denn da von random Leuten, die man vielleicht gerade auf einer Party sieht oder im Supermarkt? Welche spannenden Lebensgeschichten möchte man denn da gerade hören? Sowas wie: „Meine Familie ist von da und da geflüchtet und meine kleine Schwester ist auf der Flucht gestorben“ oder wie bei mir: „Meine Mutter ist irgendwie vor allen Dingen in Kinderheimen aufgewachsen und hat relativ viel Gewalt erfahren, weil sie Schwarz ist“ oder „Ich wurde meiner Familie weggenommen und irgendwie von Weißen aufgezogen und bla“ oder… also,

keine Ahnung, das sind jetzt irgendwelche random Beispiele, die auch nicht besonders gut durchdacht sind, aber was ich meine ist, teilweise sind diese Lebensgeschichten halt auch schmerzhaft und sehr persönlich. Das ist eigentlich halt auch der Part, den Leute daran spannend finden und es ist sehr bedenklich, weil unser Schmerz ist für euch halt irgendwie Spannung. Denkt da mal drüber nach und wie okay das irgendwie ist, von random Leuten zu verlangen, dass sie euch mal irgendwie so ein bisschen entertainen. Ich bin nicht deine Daily Soap!

 

Anstoß dafür, dass die Sache mit dieser Frage halt wieder irgendwie mehr an Fokus geraten ist oder zumindest auf Twitter jetzt viel wieder darüber geredet wird, war Dieter Bohlen, der irgendwie bei… ich weiß gar nicht, welche Show… „Deutschland sucht den Superstar“ oder irgendsowas… ein kleines Mädchen,

ein kleines, asiatisches Mädchen gefragt hat, wo sie herkommt und sie überhaupt nicht wusste, welche Antwort Bohlen da jetzt von ihr hören will. Die Antwort, die sie gegeben hat, war halt immer: “Aus meiner Heimatstadt, also in Deutschland“. Auch die Eltern kommen aus dieser Stadt und sie wusste überhaupt nicht, wohin die Frage zielt und war total verunsichert und stand eben auf der Bühne und all die weißen Leute im Publikum haben gelacht, während sie halt total verzweifelt ist und irgendwann dann eine Elternperson aus dem off gesagt hat: Thailand.

 

Und das hat halt eben viele von uns sehr bewegt und angesprochen, weil wir es halt eben kennen, dieses Gefühl von „auf dem Prüfstand zu stehen“ und halt aber auch irgendwie so expositioniert zu werden, exotisiert zu werden. Also wirklich tatsächlich auch… „Exotisch“ wurde oft benutzt, auch dann als Beschreibung für mich. „Das ist ja exotisch, das ist ja aufregend, bla“ und so weiter. Und halt ebenso… also, man fühlt sich auch als Objekt und es ist halt eben so dieses „Welche Antwort erwartet ihr?“. Und das ist halt eben auch oft einfach nicht so einfach: Wenn Leute mich fragen, wo ich herkomme, dann kann ich darauf eigentlich keine Antwort geben, die für die befriedigend ist, tatsächlich. Bei mir ist es halt eben so, meine Mama ist Schwarz oder gemischt, mein Opa ist Soldat gewesen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in Deutschland stationiert und wir wissen nicht, wer er war, wissen nicht, wie er aussah, wir wissen noch nicht mal mit Sicherheit, wie seine Abstammung ist, wo er herkam. Wir gehen davon aus, dass er Afroamerikaner ist/war, aber wir haben ihn nie gefunden. Das heißt, man weiß es nicht. Fest steht halt, er war nicht weiß. Fest steht auch, meine Mutter wurde immer deutlich zugeschrieben, als (in Anführungszeichen) „farbige“ Frau und hat auch ihr Leben so verbracht und auch vor allen Dingen in der Kindheit viel Gewalt erlebt deswegen. Das heißt, es ist halt einfach Teil ihrer Identität und es ist auch einfach Teil meiner Identität geworden. Auch durch zum Beispiel eben Fragen, wie „Wo kommst du her?“ und nicht akzeptieren, dass die Antwort halt eben [Heimatstadt] ist, sondern immer weiter fragen. Auch das hat mir immer schon gezeigt, dass ich halt eben nicht weiß bin, dass ich halt eben nicht „deutsch“ bin.

 

Natürlich bin ich Deutscher auf dieser legalen Ebene, die heißt, dass ich eine deutsche Staatsbürgerschaft hab. Und ich bin hier geboren und aufgewachsen. Aber in dem Sinne von wie „Deutscher“ meist verstanden wird, bin ich halt eben nicht Deutscher und das wurde mir halt eben immer auch gezeigt. Wenn ich jetzt sage, „Ich bin nicht Deutscher“, dann sag ich das ja, weil mir das immer gezeigt wurde. Ich habe das gelernt von den anderen, die das mir gelehrt haben. Das ist keine in dem Sinne irgendwie freie Entscheidung, dass ich halt denke, „Oh, ich habe keinen Bock, Deutscher zu sein und deswegen entscheide ich das jetzt so“, sondern es ist halt so dieses: mir wird und wurde das von außen signalisiert. Und es ist halt auch Teil meiner Identität einfach.

 

Aber wenn ich halt gefragt werde, „Wo kommst du her?“ kann ich nur „Deutschland“ sagen. Und wenn ich gefragt werde, „Wo kommt deine Eltern her?“ „Deutschland.“ Meine Mutter ist auch in Deutschland geboren / aufgewachsen. „Ja, wo kommen deine Großeltern her?“, muss ich sagen „die meisten aus Deutschland“ Dieses eine Großelternteil? „Wahrscheinlich aus den USA“. Das war’s. Und ansonsten kann ich halt nichts sagen… und das stimmt die nicht zufrieden. Auch wenn ich sage „Mein Opa ist wahrscheinlich Afroamerikaner gewesen oder ist es immer noch — ich weiß ja nicht, ob er noch lebt“, das stimmt die halt auch nicht zufrieden. Dann sind die so „Echt? Aber so siehst du gar nicht aus!“

 

Und really, ich hab oft solche Gespräche gehabt, wo Leute dann gesagt haben, „Ich dachte, du bist eher Türke oder kommst du aus dem Iran? Das würde ja viel besser passen, so wie du aussiehst!“ und ich bin so „ja, aber das ist halt nicht so“.

Und jetzt?

„Ja, aber vielleicht kannst du ja sagen — ohne Mist, das waren Gespräche, die ich geführt habe — vielleicht kannst du ja sagen, du bist Latinx oder kommst aus Indien, weil das würde einfach so viel besser passen!“ und ich immer so: „Wtf, Leute? ich kann doch nicht einfach sagen…- “ you know… wie absurd ist das dann bitte? Aber solche Gespräche hab ich wirklich geführt.

 

Leute sind nicht zufrieden damit zu hören, wenn ich sage, ich bin Schwarz, sie sind nicht zufrieden damit zu hören, wenn ich sage, meine Mutter ist Schwarz, sie sind nicht zufrieden damit, wenn ich sage mein Opa ist Schwarz, sie sind nicht zufrieden, wenn ich sage „gemischt“, sie sind nicht zufrieden, wenn ich sage, es ist unklar.

 

Und die Sache ist ja… deswegen bin ich halt auch immer so ein bisschen… Ich hab oft von Leuten gehört — auch von Schwarzen Aktivist*innen viel, allerdings meistens waren das schwarze Aktivist*innen aus dem US-amerikanischen Kontext, aber auch aus deutschen Kontexten — so Leute wie ich sind ja nicht Schwarz, weil das ja so weit verwässert ist, dass quasi, wenn man jetzt auf Gen-Anteile runterrechnet, ich ja quasi zum größten Anteil weiß bin. Der Punkt ist, das interessiert die aber nicht. Das interessiert ja nicht, wie viel… wie große Anteile meiner Familie weiß war, interessiert ja die Fragenden nicht. Die interessiert ja nur dieser eine Teil der halt eben nicht weiß war und die geben halt einfach keine Ruhe. Die hörtennicht auf, bist du dich komplett nackig gemacht hast, bis du ihnen alles erzählt hast. Inklusive aller mini-kleinen Details. Und sie möchten kein „Ja, ich weiß es nicht so genau“. Das möchten sie nicht hören.

 

Ich meine, ich bin jetzt dreißig. Ich habe akzeptiert, dass ich nicht weiß, was irgendwie genau die Geschichte war, wie mein Opa und meine Oma meine Mutter gezeugt haben. Habe ich akzeptiert, ist ja auch… geht wahrscheinlich vielen anderen auch so. Es wäre aber auch nicht so ein wichtiger Punkt für mich gewesen, wenn halt nicht immer die Frage nach meinem Opa gewesen wäre, wenn das nicht immer der Punkt gewesen wäre, wo Leute irgendwie super viel Interesse dran hatten und irgendwie so ein zentraler Punkt in meiner Identität. You know? Weil er halt der ist, der mich zu jemanden gemacht hat, der nicht weiß ist.

 

Aber ich weiß halt nicht, wie es abgelaufen ist. Und Leute wollen‘s aber immer genau wissen und sie sind nicht zufrieden mit… sie sind nicht zufrieden mit der Wahrheit. Sie sind mehr zufrieden, wenn ich… Manchmal habe ich gelogen. Damit waren sie mehr zufrieden, wenn es in ihre Idee passt, wie sie mich einordnen, dann sind sie so, „ah okay, gut!“. So und dann hören sie wenigstens auf zu fragen, mich zu nerven und aufdringlich zu sein.

 

Aber genau dieser Punkt von meiner Identität und meiner Familiengeschichte ist halt auch ein sehr schmerzhafter Punkt für mich und meine Mutter und überhaupt. Ich hab auch nicht Bock, da immer so viel darüber zu reden, einfach schlichtweg. Und schon gar nicht mit irgendwelchen fremden Leuten, einfach mal nur mal so. Deswegen ist es einfach super unhöflich, diese Frage immer zu stellen. Weil es eben keine einfache Antwort darauf gibt. Aber auch insgesamt. Letzten Endes, der Othering-Effekt ist so oder so da. Du wirst zu jemand anders gemacht. „Wo kommst du her?“ und bei weißen Leuten wird „München“ akzeptiert, bei dir halt eben nicht. Dir wird gesagt, “Jemand wie du kann nicht deutsch sein.“ Das ist immer die Aussage dabei: „Jemand wie du kann nicht deutsch sein.“

 

Auch ganz lustig: Ich habe mal einen Menschen im Hundepark getroffen und die Person hat mich angesprochen und war dann halt so, „Wo kommst du her?“ und ich war halt so… (ich war auch genervt) …und ich war halt so, „Ja, ich weiß, man sieht mir das nicht an und ich weiß, das glaubst du mir bestimmt nicht, aber bin einfach Deutscher. Ich kann dir nicht viel Besseres sagen, lange Geschichte und alles, aber nicht, dass ich stolz drauf bin“. Und er war so „Ey Bruder, alles gut! Ich wollte wissen, aus welchem Stadtviertel du kommst. Aber ich weiß, was du meinst. Für die Deutschen wirkst du einfach nie Deutscher sein“ und ich fand… Das hat es so auf den Punkt gebracht. Das war so ein krasser, intensiver Moment für mich, einfach weil er das halt auch kannte und… ja. Ich glaube halt einfach… und deswegen tut’s mir halt auch weh zu lesen, wenn Weiße irgendwie schreiben, dass ist doch alles nur Interesse und alles nur nett gemeint. Schön. Schön, dass es für dich interessant und nett gemeint ist. Für andere halt nicht. Für andere ist es halt immer wieder eine Erinnerung. Eine Erinnerung, dass du nicht ganz dazu gehörst.

 

Und noch ein Ding: Ich kenn einige Leute, die das anders sehen. Die finden, dass die Nachfrage nur total freundlich ist. Einige Black People of Color, also Schwarze Leute und People of Color, die sagen, „das ist doch nur nett“ und die auch sagen, sie sind froh, wenn Leute sie nett und interessiert danach fragen, anstatt gleich von vorneherein scheiße zu sein. Dass sie da halt finden, dass das kein Rassismus ist. Meine Mutter sieht das auch so, die ist auch so „das ist doch kein Rassismus! Solange die nett fragen, ist doch alles gut“. Und ja, das kommt daher, dass meine Mutter halt auch zum Beispiel, glaube ich, ganz andere Sachen gewöhnt ist und das ist so ein Überlebensmechanismus, wenn man die ganze Zeit ausblenden muss, wie feindlich alles ist. Ich denke, dass ist ein Überlebensmechanismus dann zu sagen, „Ja, aber das ist doch noch kein Rassismus“ und… Ich respektiere das halt, das wollte ich eigentlich sagen. Ich respektiere das und gerade wenn B_PoC das halt sagen. Das Ding ist halt, wenn ihr jetzt jemanden kennt und mit der Person drüber gesprochen habt und die Person sagt „aber ich finde es total nett!“ Ist ja schön. Dann heißt es aber trotzdem nicht, dass ihr jede Black Person/Person of Color, die auf der Straße trefft, fragen könnt. Weil für viele Leute, ist es halt nicht schön und auch das ist voll ok.

 

Ich denke, das war’s. Vielen Dank für’s Zuhören und ich hoffe, das war irgendwie nett oder interessant oder relatable oder so. Schaltet auch nächstes Mal wieder ein, wenn es heißt: Springkraut.

Genau, lol, tschüss.

 

 

Dieses Transkript wurde erstellt von @raqueleven (Twitterhandle). Vielen Dank dafür ❤

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